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Lieferantenbewertung Kriterien · KPI · Gewichtung · Automotive · Medizintechnik · IATF 16949
Zielgruppe
Qualitätsingenieure und Einkaufsleiter, die ein Lieferantenbewertungssystem einführen oder überarbeiten
Normgrundlage
IATF 16949:2016 §8.4.1 · ISO 13485:2016 §7.4 · ISO 9001:2015 §8.4
Lesezeit
ca. 9 Minuten

Zu viele Kriterien: unhandhabbar.
Zu wenige: Audit-Finding.
Falsche: falsche Lieferantenentscheidung.

Die sechs Standardkategorien der Lieferantenbewertung — mit den konkreten Kennzahlen, die man messen kann, den Datenquellen aus denen sie kommen, und den branchenspezifischen Gewichtungen, die IATF-Auditoren sehen wollen. Keine generische Aufzählung.

Warum die Wahl der Kriterien entscheidend ist

Kriterien, die nicht messbar sind, sind keine Kriterien — sie sind Meinungen. Wenn der Einkauf den Lieferanten mit „4 von 5" in Kooperation bewertet, ohne strukturierte Grundlage, sieht der IATF-Auditor genau das: eine Meinung. Was er stattdessen sehen will: eine Kennzahl mit Datenquelle, einem Grenzwert und einer dokumentierten Konsequenz wenn dieser Grenzwert unterschritten wird.

Die Grundregel: Kriterien müssen entweder messbar sein — als KPI aus ERP, Reklamationssystem oder Messsystem — oder nachvollziehbar dokumentiert, wie das Audit-Ergebnis oder der Zertifizierungsstatus. Qualitative Einschätzungen sind als Ergänzung sinnvoll, nie als Hauptkriterium.

Und: weniger ist mehr. Praxiserprobte Empfehlung aus IATF-auditierten Betrieben — fünf bis acht Kriterien. Mehr macht die Bewertung unhandhabbar, führt zu Abkürzungen und damit zu genau den Lücken, die Auditoren suchen.

Messbar

KPI aus ERP, Reklamationssystem oder Messsystem — PPM, OTD, 8D-Response-Time. Datenquelle muss dokumentiert sein.

Nachvollziehbar

Audit-Ergebnis, Zertifizierungsstatus — dokumentierter Nachweis mit Datum und Verantwortlichem.

Qualitativ (Ergänzung)

Kooperation, Flexibilität — nur strukturiert und skaliervbar: 1–5-Skala mit definierter Methodik, nie als Hauptkriterium.

Die sechs Standardkategorien — Kennzahlen, Datenquellen, Orientierungswerte

Diese sechs Kategorien decken den Lieferanten vollständig ab — von der Teilequalität über die Logistik bis zum Systemmanagement. Nicht alle sechs sind nach IATF 16949 Pflicht, aber alle sechs sind in auditierten Tier-1-Betrieben Standard. Detaillierte Aufschlüsselung mit Kennzahlen:

01

Qualitätsleistung

Die Kernkategorie — misst, wie oft der Lieferant fehlerfreie Ware liefert. Daten kommen aus ERP-Wareneingangsbuchungen und dem Reklamationssystem. Automotive-Ziel: unter 50 ppm für Schlüssellieferanten.

Kennzahl Definition Datenquelle Orientierungswert
PPM-Rate Fehlerteile pro Million gelieferte Teile ERP, Wareneingangsbuchung < 50 ppm (Tier-1 Automotive)
Reklamationsquote Reklamationen pro 100 Lieferungen Reklamationssystem < 2 %
Erstmusterfreigabe-Quote Anteil PPAP-Ersteinreichungen ohne Mängelrüge PPAP-System > 90 %
RGA-Quote Retour-Güter-Analyse-Fälle ERP, Lager < 1 %
02

Liefertreue

In JIT- und JIS-Lieferketten ist ein verspätetes oder unvollständiges Teil ein Bandstopp. OTD ist die zentrale Messgröße — vollständig und pünktlich, nicht eines von beidem.

Kennzahl Definition Datenquelle Orientierungswert
OTD (On-Time-Delivery) Anteil Lieferungen pünktlich und vollständig in % ERP, Bestell- vs. Lieferdatum > 95 %
Split-Delivery-Quote Anteil Bestellungen, die aufgeteilt geliefert wurden ERP, Lieferavis < 5 %
03

Reaktionszeit

Nicht nur ob ein Fehler passiert — sondern wie schnell der Lieferant reagiert. Der 8D-Ersteingang innerhalb von 24 Stunden ist in vielen OEM-CSR dokumentiert. Langsame Reaktion bei einer Reklamation ist eigenständiger Audit-Trigger.

Kennzahl Definition Datenquelle Orientierungswert
8D-Eingangszeit Stunden von Reklamationsmeldung bis 8D-Erstantwort Reklamationssystem, Ticketdatum < 24 h Erstantwort, < 5 Werktage D3–D5
Maßnahmenwirksamkeit Anteil geschlossener 8D-Berichte mit nachgewiesenem Wirksamkeitsnachweis QM-System > 85 %
04

Systemzertifizierung

Binäres Kriterium: Zertifikat gültig oder nicht. Entscheidend ist das Ablaufdatum — ein abgelaufenes Zertifikat ist kein Nachweis. Für kritische Lieferanten ohne gültiges Zertifikat ist ein Second-Party-Audit Pflicht nach IATF 16949 §8.4.1.

Kennzahl Definition Datenquelle Orientierungswert
IATF 16949 Zertifikat Gültiges Zertifikat vorhanden (ja / nein / abgelaufen) Lieferantenakte, Zertifizierungsstellen-DB Gültig + Ablaufdatum prüfen
ISO 9001 Zertifikat Gültiges ISO-9001-Zertifikat als Basis-Nachweis Lieferantenakte Gültig + Ablaufdatum prüfen
ISO 13485 Zertifikat Für Medizintechnik-Lieferanten: ISO-13485-Zertifikat Lieferantenakte Gültig + Scope prüfen
05

Audit-Ergebnis

Das letzte Lieferantenaudit gibt Auskunft über das QM-System des Lieferanten — nicht nur über seine KPI-Werte. Audit-Ergebnis und periodische Bewertung ergänzen sich: Bewertung zeigt Symptome, Audit zeigt Systeme.

Kennzahl Definition Datenquelle Orientierungswert
Audit-Datum Datum des letzten durchgeführten Lieferantenaudits Audit-Dokumentation Nicht älter als 3 Jahre für kritische Lieferanten
Audit-Ergebnis Punkte oder A/B/C-Klasse nach verwendetem Audit-Schema QIMS Audit-Modul, Audit-Bericht A = keine Major-Findings, B = Minor offene Punkte
Offene Maßnahmen Aus letztem Audit noch nicht abgeschlossene Korrekturmaßnahmen Maßnahmenplan Alle geschlossen vor nächstem Bewertungszyklus
06

Kooperation

Der weiche Faktor — aber der entscheidende Tiebreaker bei vergleichbaren KPI-Werten. Kooperation misst, ob der Lieferant ein Partner ist oder nur ein Vertragserfüller. Strukturiertes Interview schlägt subjektive Einschätzung.

Kennzahl Definition Datenquelle Orientierungswert
Kommunikationsqualität Erreichbarkeit, Reaktionsgeschwindigkeit auf Anfragen Einkauf/Qualität, strukturiertes Interview 1–5 Skala, mindestens 3 für A-Lieferanten
Flexibilität Reaktion auf Bedarfsänderungen, Sonderanforderungen Einkauf, Projektbewertung 1–5 Skala
Transparenz Proaktive Kommunikation bei Risiken, Engpässen, Änderungen Qualität, strukturiertes Interview 1–5 Skala
Branchenspezifische Gewichtung — Automotive, Medizintechnik, Sondermaschinenbau

Die Gewichtung ist der wichtigere Hebel als die Kriterienwahl — weil dieselben sechs Kategorien in einem Automotive-Tier-1 und in einem Medizintechnikunternehmen völlig unterschiedliche Prioritäten haben. IATF 16949 schreibt keine Gewichtung vor. Das ist Gestaltungsspielraum — aber kein Willkürspielraum. Die Gewichtung muss die eigenen Risikoprioritäten widerspiegeln und dokumentiert sein.

Automotive Tier-1

IATF 16949

PPM-Ziele von OEMs sind existenzbedrohend. JIT-Produktion lässt keinen Puffer — Liefertreue dominiert nach Qualität.

Kategorie Gewichtung Begründung
Qualitätsleistung 40 % PPM-Fehler gefährden Bandstopps beim OEM
Liefertreue 30 % JIT/JIS — kein Puffer bei verspäteter Lieferung
Reaktionszeit 15 % 8D-Response-Time ist IATF-Audit-Kriterium
Systemzertifizierung + Audit 10 % IATF-Kettenzertifizierung erwartet
Kooperation 5 % Weicher Faktor, aber Tiebreaker

Medizintechnik

ISO 13485

Sicherheitskritische Produkte — kein Kompromiss bei Qualität. Systemzertifizierung/Audit rückt nach vorn, weil ISO 13485 §7.4 Lieferantenqualifikation vor Freigabe betont.

Kategorie Gewichtung Begründung
Qualitätsleistung 35 % Sicherheitskritische Produkte ohne Kompromiss
Systemzertifizierung + Audit 30 % ISO 13485 §7.4 — Qualifikation vor Freigabe
Liefertreue 20 % Wichtig, aber Qualität hat Vorrang
Reaktionszeit 10 % CAPA-Prozesse sind formell geregelt
Kooperation 5 % Langfristige Partnerschaft bei kritischen Lieferanten

Sondermaschinenbau

ISO 9001

Individuelle Spezifikationen erfordern enge Zusammenarbeit. Qualitätsziele weniger scharf als Automotive — Kooperation und Liefertreue gewinnen an Gewicht.

Kategorie Gewichtung Begründung
Qualitätsleistung 30 % Qualitätsziele weniger scharf als Automotive
Kooperation 25 % Individuelle Spezifikationen — Partnerschaft zählt
Liefertreue 25 % Projekttermine nicht OEM-kritisch, aber wichtig
Reaktionszeit 15 % Kleinere Stückzahlen — weniger Reklamationsvolumen
Systemzertifizierung 5 % ISO 9001 reicht oft — IATF nicht Pflicht

Hinweis: Gewichtungen sind Beispiele aus der Praxis — keine Pflicht-Standard. IATF 16949 schreibt weder Kriterien noch Gewichtungen vor. Entscheidend ist die dokumentierte Methodik: Auditoren prüfen Konsistenz, nicht Zahlen.

Kriterien, die in Standardlisten fehlen — aber Auditoren und Einkaufsleiter fragen

Die sechs Standardkategorien decken Leistung ab — aber nicht Risiko. Drei weitere Dimensionen tauchen in klassischen Lieferantenbewertungslisten nicht auf, werden aber zunehmend in IATF-Audits und OEM-Lieferantengesprächen adressiert:

Kapazitätsreserve

Kann der Lieferant bei Bedarfsspitzen skalieren? Relevant bei Alleinlieferanten und Saisongeschäft.

Messgröße

Deklarierte Maximalkapazität vs. aktuelle Auslastung — idealerweise als Selbstauskunft im Lieferantenportal.

Risiko bei Vernachlässigung

Alleinlieferant ohne Kapazitätspuffer ist ein kritisches Single-Point-of-Failure im Supply Chain.

Single-Source-Risiko

Ist dieser Lieferant der einzige Bezugsweg für ein Teil oder einen Prozess? Single-Source-Lieferanten brauchen erhöhte Bewertungsfrequenz und einen dokumentierten Notfallplan.

Messgröße

Binäres Kriterium (Single Source: ja/nein) plus dokumentierter Notfalllieferant oder Prozess-Alternative.

Risiko bei Vernachlässigung

Single-Source ohne Notfallplan ist IATF-Finding — §8.4.2 fordert risikobasierte Steuerung.

Nachhaltigkeits-Compliance

Zunehmend Pflicht in Automotive: OEM-CSR enthalten Anforderungen zu Kinderarbeit-Nachweis, CO₂-Reporting und REACH-Compliance. Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) macht es ab einer bestimmten Unternehmensgröße gesetzlich.

Messgröße

Selbstauskunft zu LkSG-Anforderungen, REACH-Konformitätserklärung, CO₂-Scope-3-Reporting falls OEM-CSR gefordert.

Risiko bei Vernachlässigung

Fehlender Nachweis wird zunehmend als Finding in IATF-Audits und OEM-Lieferantenbewertungen gewertet.

QIMS — Lieferantenbewertung mit KPI-Anbindung

Kriterien definiert.
KPI kommen automatisch.
Audit-Trail revisionssicher.

QIMS verbindet die Lieferantenbewertungskriterien direkt mit den Quellsystemen: PPM-Werte aus dem Wareneingang, Reklamationsquote aus dem Ticketsystem, Audit-Ergebnis aus dem Audit-Modul. Keine manuelle Datenpflege — die Kennzahlen kommen aus dem System. Entwickelt nach den Anforderungen aus IATF 16949 §8.4 und ISO 13485 §7.4.

Konditionen besprechen wir im Demo-Gespräch.

Häufige Fragen — Lieferantenbewertung Kriterien und Gewichtung 5 Fragen

Welche Kriterien sind bei der Lieferantenbewertung nach IATF 16949 Pflicht?

IATF 16949 §8.4.1 schreibt die Bewertung von Qualitätsleistung und Lieferperformance vor — das sind die beiden Pflichtkategorien. Weitere Kriterien wie Reaktionszeit, Systemzertifizierung, Audit-Ergebnis und Kooperation sind in der Norm empfohlen, aber nicht als Pflichtfeld definiert. Entscheidend ist, dass die gewählten Kriterien dokumentiert, messbar und konsistent angewendet werden. Auditoren prüfen weniger welche Kriterien genutzt werden — sondern ob die Bewertung systematisch, nachvollziehbar und mit Konsequenzen versehen ist.

Wie gewichtet man Kriterien in der Lieferantenbewertung?

IATF 16949 schreibt keine Gewichtung vor — das ist Gestaltungsspielraum. Die Gewichtung sollte die Risikoprioritäten der eigenen Branche widerspiegeln: In der Automobilindustrie dominiert Qualitätsleistung mit 40 %, weil Fehlerteile in JIT-Lieferketten existenzbedrohend sind. In der Medizintechnik rückt Systemzertifizierung/Audit auf 30 %, weil ISO 13485 §7.4 die Qualifikation vor Freigabe betont. Wichtig: Die Gewichtung muss dokumentiert und konsistent angewendet werden — Auditoren fragen nach der Methodik, nicht nach der Zahl.

Was ist PPM und wie berechnet man die PPM-Rate?

PPM steht für Parts Per Million — die Kennzahl gibt an, wie viele fehlerhafte Teile pro eine Million gelieferter Teile aufgetreten sind. Formel: PPM = (Anzahl Fehlerteile / Anzahl gelieferter Teile) × 1.000.000. Beispiel: 3 Fehlerteile bei 150.000 gelieferten Teilen = 20 ppm. Im Automotive-Tier-1 gelten typische Zielwerte von unter 50 ppm für kritische Lieferanten. Die PPM-Daten kommen aus dem ERP-System (Wareneingangsbuchungen) oder dem Reklamationssystem. Wichtig: Nur tatsächlich dokumentierte Qualitätsfehler zählen — subjektive Einschätzungen sind kein PPM-Ersatz.

Darf man die Kriterien für die Lieferantenbewertung selbst bestimmen?

Ja — ausdrücklich. IATF 16949 gibt den Rahmen vor (Qualität und Lieferperformance als Mindest-Basis), nicht die konkrete Kriterienliste. Der Vorteil eigener Kriterien: Sie können branchenspezifische Risiken abbilden, die generische Normlisten nicht erfassen — zum Beispiel Single-Source-Risiko, Kapazitätsreserven oder spezifische Nachhaltigkeitsanforderungen aus OEM-CSR-Dokumenten. Die Anforderung der Norm: Die Kriterien müssen dokumentiert, konsistent angewendet und auditierbar sein.

Wie geht man mit Lieferanten um, die kein IATF 16949 Zertifikat haben?

Das Fehlen eines IATF-16949-Zertifikats ist kein Ausschlusskriterium, aber ein Risikoindikator. IATF 16949 §8.4.1 fordert bei nicht zertifizierten Lieferanten mit kritischen Teilen oder Prozessen einen Nachweis der Prozessfähigkeit — typischerweise durch einen Second-Party-Audit (Lieferantenaudit). Alternativ: ISO-9001-Zertifikat als Basis-Nachweis akzeptieren, ergänzt durch eigene Audit-Tätigkeit. Das Zertifizierungskriterium in der Lieferantenbewertung wird dann mit dem Audit-Ergebnis kombiniert bewertet.